Klassischer Stil macht Spaß! Aber nur, wenn man ihn nicht zu ernst nimmt.

Wer Videos von mir bereits geschaut hat, wird genau verstehen, was ich meine.

Die ursprünglichste Ausführung dieser These findet man im Konzept der Sprezzatura – das wiederum 1528 von Baldassare Castigliones in seinem „Libro del Cortegiano“ niedergeschrieben wurde.

Ich möchte euch mit der Theorie nicht zu ausführlich langweilen – dazu empfehle ich euch das von Niklas, dem vintageburschen, das natürlich alles Andere als langweilig ist.

Kurz zusammengefasst geht es darum, anstrengende Aktivitäten leicht und mühelos erscheinen zu lassen.

Auf Bekleidung übertragen bedeutet es so viel wie förmliche Kleidungsstücke zu kombinieren, aber dabei nicht affektiert oder schwerfällig zu wirken.

Dabei kann die Vorbereitung, die niemand wahrnimmt, durchaus langwierig sein und komplexe Gedankengänge voraussetzen, aber dem Ergebnis sollte man das nicht anmerken. Stattdessen wirkt es natürlich und selbstverständlich.

Und jetzt, liebe Freunde des kultivierten Lebensstils, mache ich euch die gesamte Illusion kaputt, denn es gibt Bausteine der Sprezzatura, die immer wiederkehren und auch in eure Outfits integriert werden können.

Diese Bausteine werde ich in diesem Beitrag nach ihrer Machbarkeit und ihres Effekts gliedern.
Dafür habe ich eine Rangliste angelegt, in der F die schwächste und A die stärkste Kategorie ist. Wenn ein Baustein im F-Feld landet, kann er entweder einen zu gering ausgeprägten Effekt haben oder aber er ist zu over-the-top und unangemessen.
Für herausragende Stilelemente gibt es über A noch den S-Rang.

Ganz wichtig: Setzt diese Elemente nur um, wenn ihr euch damit wohl fühlt, denn das ist die oberste Maxime. Daher stellen diese “Bewertungen” auch nur meine ganz persönliche Meinung dar.

1. Button-Down-Hemd

Der erste Hack ist ein Selbstläufer, hat aber in meinen Augen gar nicht so viel mit Sprezzatura zu tun. Ein Button-Down-Hemd mit Blazer, Khakis und Seidenkrawatte zu tragen kommt eher aus dem US-Amerikansichen Raum.
Es ist ein probates Mittel, ein formelles Outfit aufzubrechen – keine Frage – aber ich platziere es auf dieser Liste genauso weit entfernt von der Spitze, wie es davon entfernt ist Sprezzatura zu sein – D!

2. Unbuttoned Button-Down

Kommen wir zur nächsten Evolutionsstufe, dem lösen der Knöpfe des Button-Down-Kragens. Ich persönlich mache es ab und zu – besonders dann, wenn ich der Meinung bin, dass der Kragen im geöffneten Zustand eine schönere Form hat. Ich gebe diesem Element ein B – kann man durchaus machen.

3. Japanese Collar Flip

Ja – das ist ein Ding.
Der Japanese Collar Flip entsteht, wenn man bei einem weichen Kragen absichtlich oder nicht eine oder beide Kragenspitzen aufrollt.
Kann ganz cool aussehen – es wirkt vor Allem nicht affektiert, was ja die Idee von Sprezzatura ist – ist im Alltag allerdings sehr schwer zu steuern
C!

4. Kragenknopf öffnen, Krawatte lockern

Sorry, dem Look kann ich gar nichts abgewinnen.
Wer die Krawatte locker trägt oder den Kragen öffnet, sendet mir damit die Nachricht, dass ihm seine Kleidung nicht passt, er sich darin unwohl fühlt oder absichtlich diesem schlampigen Look herbei führt. Kauft euch passende Hemden – zieht den Knoten bis an den Kragen.
Hierfür habe ich nichts weiter als ein F übrig!

5. Schmales Krawattenende länger binden

Das ist definitiv einer der kontroversesten Punkte, da er bereits sehr verbreitet ist. Ich selbst binde meine Krawatte auch hin und wieder so, dass das schmale Ende länger als das breite Ende ist. Das hat aber auch einen ganz praktischen nutzen – der Knoten erhält automatisch etwas mehr Volumen und bildet einen schöneren Dimple.
Ehrlich gesagt, mache ich es völlig unterbewusst, stecke das schmale Ende einfach in die Hose, wenn es mir zu lang ist, und gebe dem Trick daher ein durchschnittliches C.

6. Beide Krawattenseiten im Knoten zeigen

Diese Nuance erkennen nur sehr geschulte Augen. Dabei bindet man die Krawatte so, dass man das schmale Ende beim festziehen nach vorne bewegt und es dadurch im Knoten neben die breite Seite rutscht. Man kann sogar so weit gehen, die schmale Seite vor die breite Seite zu ziehen. Manchmal sehe ich diesen Baustein wirklich sehr elegant und natürlich umgesetzt. Das Problem ist allerdings, dass das Risiko nicht im Verhältnis zum Ergebnis steht, weshalb ich dem Look ein D gebe.

7. Krawattenlasche ignorieren

Das ist ein super Tipp – der bekommt bei mir sofort die S-Kategorie. Jeder der Etwas auf sich hält, sollte die lasche auf der Rückseite der Krawatte nicht nutzen. Ursprünglich gab es sie sowieso gar nicht, weshalb man argumentieren könnte, dass dieser Hack Nichts mit Sprezzatura zu tun hat. Jedoch hat sich die Lasche so sehr durchgesetzt, dass das Ignorieren dieser heute verdammt gut ins Konzept der Sprezzatura passt und jeder einzelne von euch dabei helfen sollte, diesen Bann zu brechen.

8. Sichtbare Krawattenklammer

Nein und Nein!
Krawattenklammern sind Kellnern vorbehalten und das war’s. Sie dann auch noch sichtbar und damit weit oberhalb des Bauchnabels zu tragen, ist einfach nur ein Verbrechen.
Verbrechen gehören bestraft – F!

9. Gebauschtes Einstecktuch

Ich trage Einstecktücher immer sehr zurückhaltend. Es gibt aber durchaus Charaktere, an denen ein auffällig gefaltetes Einstecktuch stimmt wirkt.
Es ist ganz klar ein klassischer Fall von Sprezzatura – man steckt viel Aufwand in die Faltung und am Ende wirkt es wie hingerotzt – aber es muss definitv zum Menschen und zum Anlass passen.
B!

10. Reversschmuck

Reversschmuck können Kunstblumen, natürlich auch echte Blumen, Broschen, Pins, Ketten und vieles mehr sein. Während einige Accessoires ein Outfit erfolgreicher ergänzen als andere, werden es immer Komponenten sein, die hinzugefügt werden. Sprezzatura ist jedoch eher eine Kunst des Weglassens, statt des Überladens, weshalb ich von diesem Gimmick mit ganz wenigen Ausnahmen die Finger lassen würde.
Dementsprechend gebe ich diesem Stilelement ein E

11. Bunte Sonnenbrille

Ich hatte tatsächlich eine Phase, in der ich aufgrund einer Augenentzündung und aus Mangel an Alternativen eine schon fast anstößige türkisfarbene Sonnenbrille getragen habe.
Auf diese Zeit blicke ich einerseits mit Kopfschütteln aber andererseits mit Staunen zurück. Denn um das seriös durchzuziehen, benötigt man ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl.
Wenn der Rest eures Outfits bis ins letzte Detail perfekt ist, dann warum nicht?
Wenn ihr Vorstandsvorsitzender eines DAX-Konzerns auf dem Weg zu eurem Business-Meeting seid, dann lieber nicht.
Generell würde ich mich aber freuen, wenn mehr Leute dieses ironische Detail durchziehen würden – eine Sonnenbrille trägt man sowieso nie in förmlichen Situationen.
Traut euch – ich gebe diesem Baustein ein C.

12. Armbänder

Ich besitze nichtmal ein Armband! Ich stehe eher auf einen schönen Siegelring oder eine gute Uhr.
Auch wenn ich die legere Wirkung eines Armbands durchaus verstehe, ist es für mich eher ein Trend, ein Fashion-Item, und entspricht nicht meiner Vorstellung einer zeitlosen Ästhetik. Daher ein D von mir.

13. Uhr über Manschette

Ein Klassiker der Stillegende Gianni Agnelli, der sich extra dafür sogar seine Hemdmanschetten hat modifizieren lassen. Ich habe es eine zeitlang auch so getragen und fand es weniger prollig als gedacht aber man muss schon sehr darauf achten, dass die Uhr sehr schlank und dezent ist und der Sakkoärmel ausreichend Understatement schafft – sagen wir es mal so.
Und außerdem ergibt es gar keinen Sinn – E!

14. Spaß-Uhren

Ich habe leider keine ironische Uhr aber ich finde sie mega geil!
In einer Zeit, in der wir sowieso unser Handy in 90% der Fälle für die Zeitnahme heranziehen, ist die Uhr viel mehr zu Schmuck als zu einem funktionalen Messgerät geworden.
Warum also nicht eine bunte Swatch aus dem Geburtsjahr zum blauen Anzug tragen. Ich bin stark dafür und gebe diesem Stilelement, auch unter Berücksichtigung der Gefahr, dass es ebenfalls nur ein Trend ist, ein A!

15. Hemdmanschette öffnen

Für mich ist das offene Tragen der Hemdmanschette ein wahrer Gamechanger. Ganz besonders im Sommer, wenn die Temperaturen steigen, sorgt dieser Hack für mehr Ventilation, als man für möglich halten mag.
Außerdem ist es einer der unaufwändigsten und unauffälligsten Wege, Sprezzatura auszudrücken.
Es geht natürlich nur mit Knopfmanschetten und auch dann nur, wenn diese nicht sowieso schon viel zu weit sind.
Ich mache es jeden Tag und ihr solltet es auch tun – S wie Steffen!

16. Hemdmanschette umgeschlagen

Wenn die Hemdmanschette bereits geöffnet ist, kann man sich auch ans nächste Level trauen, wobei die Manschette etwas umgeschlagen wird. Das passiert bei mir automatisch bei ganz weichen Hemden aus gewaschenem Denim oder Flanell.
Ich finde die Ästhetik sehr ansprechend, da es einen eleganten Roll, vergleichbar mit einem einteiligen Kragen, erzeugt.
Aber es ist schwierig, bewusst umzusetzen – die Manschette muss weich sein, die Länge muss stimmen, und so weiter, daher gebe ich diesem Baustein ein C.

17. Sakkomanschette tlws. öffnen

Das Aufknöpfen eines Manschettenknopfes am Sakko ist mittlerweile sogar in der Politik angekommen und damit im Mainstream etabliert. Fast jede Person, die ein Sakko mit knöpfbaren Manschettenknöpfen besitzt, öffnet dabei auch den vordersten Knopf.
Denkt euch mal etwas Neues aus!
Trotzdem – es ist ein einfacher Weg, ein traditionelles Kleidungsstück weniger förmlich zu interpretieren.
Von mir gibt es ein A!

18. Zweireiher öffnen

Unser deutscher Stilpapst Bernhard Rötzl ist fest davon überzeugt, dass ein Zweireiher stets geschlossen zu tragen ist.
Damit vertritt er einen sehr konservativen Standpunkt, der traditionell betrachtet, völlig korrekt ist.
Ich halte diese Regel jedoch nicht mehr für zeitgemäß und spreche mich ganz klar für ein geöffnetes zweireihiges Sakko aus. In meinen Augen wirkt es ebenso elegant wie geschlossen.
Aber ist das Sprezzatura? Eigentlich nicht – daher gibt es analog zum Button-Down-Kragen ein D

19. Hosenstall öffnen

F?

20. Rustikales Schuhwerk zum Anzug

Ein weiterer Stilbruch, den Gianni Agnelli legendär begangen hat, ist die Kombination von Wanderstiefeln mit Anzügen.
Ursprünglich waren Stiefel immer die förmlicheren Schuhe im direkten Vergleich zu Halbschuhen oder Loafern.
Das hat sich aber schon lange geändert.
Und während ich es respektabel finde, wenn jemand einen Tweed-Anzug zum wandern trägt, finde ich es eher verstörend, diesen Look im Alltag abseits der Berge zu sehen – allein schon, weil Wanderstiefel doch verhältnismäßig unbequem sind.
Dafür gibt es ein E!

21. Schnalle vom Double Monk öffnen

Dieser Look fällt seit Jahren regelmäßig bei der Pitti-Uomo-Messe in Florenz auf. Im Internet werden die offenen Schnallen an Double Monks regelmäßig gebasht.
An Single Monks mit einer Schnalle ist es albern! Ebenso mit zwei geöffneten Schnallen am Double Monk. Aber eine geöffnete Schnalle – genau genommen, die obere – ist völlig in Ordnung und tragbar. Kategorie B.

22. Bunte Socken

Bunte Socken sind grundsätzlich ein schönes Produkt, um eine klassische Kombination aufzulockern. Dabei sollten sie jedoch keinen zu krassen Kontrast erzeugen, sondern stattdessen eine Farbe aus dem Outfit aufnehmen und ein geschmackvolles Ensemble bilden.
Dann sieht es sehr gut aus – widerspricht jedoch der Grundidee von Sprezzatura. Es wirkt schnell zu gewollt aufeinander abgestimmt – und genau das wollen wir ja nicht.
Also sage ich grundsätzlich ja zu Strümpfen in rot, grün oder auch lila, aber nicht im Sinne von Sprezzatura.
Somit sehe ich mich gezwungen, diesem Stilelement ein D zu geben.

23. Keine Socken

Hier bin ich wirklich zwiegespalten. In klassischen Lederschuhen auf Socken gänzlich zu verzichten ist schon ziemlich radikal.
Ich gestehe ein, dass ich es hin und wieder gemacht habe – aber wenn ich das jetzt reflektiere eher aus Gruppenzwang im Hochsommer in Florenz.
Im Alltag sehe ich es überhaupt nicht – noch viel weniger allerdings No-Show- oder Sneakersocken.
Ganz klare Ausnahme von dieser Regel sind natürlich Segelschuhe aber die sind sowieso nicht förmlich.
Keine Socken bekommen von mir ein E.

Das solls fürs Erste gewesen sein. Für einige wenige Stilelemente spreche ich meine uneingeschränkte Empfehlung aus. Ab Rang C müsst ihr ihr die Bausteine mit eurem eigenen Bauchgefühl abwägen und ab E lege ich euch Nahe, die Finger davon zu lassen, wenn ihr nicht komplett eure Glaubhaftigkeit verlieren wollt.

Stimmt ihr dem Ergebnis grob zu? Habe ich Etwas vergessen? Schreibt es mir in die Kommentare.

Neben Sprezzatura-Einflüssen könnt ihr euer klassisches Outfit auch durch legere Kleidungsstücke entspannter gestalten. Hier lernt ihr 6 informelle Kleidungsstücke kennen, die meinen Alltag auf den Kopf gestellt haben.

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